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Duisburg Innenhafen - 21.04.2010
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Mondän, nicht montan
Der Strukturwandel hat den staubigen Kohlenpott reingewaschen. Das Ruhrgebiet ist Europäische Kulturhauptstadt. In Duisburg aber schlägt das Malocherherz weiter. Der alte Kern der Region ist nicht vergessen. Rauchende Schlote, Büdchen an der Ecke, Laubenpieper, Bier und Fußball – so stellen sich viele immer noch das Ruhrgebiet vor. „So ist es ja auch, manchmal jedenfalls“, sagt Walter Oppel. Der Sechzigjährige ist ein waschechter Duisburger. „Düssburch“ nennt er seine Heimatstadt, die den größten Binnenhafen Europas beherbergt. Sein Vater und sein Großvater haben hier schon in den Hütten- und Stahlwerken malocht; sein Sohn hat es bereits zum Vorarbeiter gebracht.
Überall feiert man den Wandel
Walter Oppel ist seit zwei Jahren im Vorruhestand, doch ab und zu trifft er die Jungs von der Mittagsschicht noch im Bistro „Tor 1“. Da stehen sie dann, in Jeans und abgewetzten Anoraks, blicken auf das gegenüberliegende Thyssenwerk und kauen die ewigen Themen des Reviers durch: Arbeitslosenquote, Ausländeranteil, SPD, MSV und seit einigen Jahren auch den Strukturwandel. „Meine Frau sagt, wenn die den Ruhrpott weiter so verschönern, dann kann man bald ein ‚Bad‘ vor Dortmund setzen und Kurtaxe verlangen“, lacht Oppel.
Der viel beschworene Strukturwandel hat das staubige Kohlenpottgesicht reingewaschen. Die Montanindustrie ist nahezu vollständig verschwunden. In stillgelegte Kohlezechen zogen Kunstund Kulturzentren ein, aus Hüttenwerken wurden Freizeitparks und Industriebrachen verwandelten sich in blühende Gartenlandschaften. Auch in Duisburg wurden Umnutzungskonzepte Wirklichkeit. Sie machten aus dem riesigen Gelände des Meidericher Hüttenwerks den Landschaftspark Nord, mit Grünfl ächen, Theaterbühnen und Freiluftkinos, und die Mitglieder der Duisburger Sektion des Deutschen Alpenvereins üben hier Hochseilklettern im stillgelegten Hochofen. „Wenn ich meinem Opa erzählt hätte, dass die Kinder einmal mit Mountainbikes über Berghalden düsen und Touristen in alten Gasometern auf Tauchgang gehen, hätte der mir den Vogel gezeigt“, sagt Oppel und schüttelt grinsend den Kopf.
Überall feiert man den Wandel, kürt das Ruhrgebiet in diesem Jahr sogar zur Kulturhauptstadt Europas. Manche in Duisburg haben ein bisschen Angst, dass man bei all der Imagepolitur die Spuren der Arbeit verwischt und den alten Kern des Potts vergisst. Von dem ist schon jetzt nur noch wenig intakt und noch weniger in Betrieb. Ganze neun Hochöfen zur Eisenproduktion sind dem Revier geblieben, sie alle stehen in Duisburg – dem Stahlstandort Nummer eins in Europa. Die Stadt am Niederrhein ist zwar nur eine von insgesamt 53 Städten und Gemeinden des Ruhrgebiets, doch hier schlägt das Malocherherz weiter. Während das neue Duisburg seinen Innenhafen mit Bauten von Sir Norman Foster schmückt und Besucher ins Spielcasino lockt, überleben in den grauen Arbeiterquartieren der Stadtteile Bruckhausen, Meiderich und Hüttenheim noch Reste des alten Ruhrgebiets. In diesen Vierteln warten noch keine Industriedenkmäler auf Kohlenpott- Nostalgiker, hier lebt das Revier noch zwischen Stahl, Staub und Schimanski-Kulissen. Hier kann Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte noch am lebenden Objekt studiert werden.
Echte Stahlkocher
Oppel rät Besuchern der Ruhr.2010 deshalb, unbedingt auch an einer Werksbesichtigung bei Thyssen- Krupp teilzunehmen: „Da gibt es mehr als das alte Eisen der Industrieruinen zu sehen, echte Stahlkocher nämlich.“ Am Abend färbt der Hochofenabstich den Duisburger Himmel glühendrot. Eisen- und Stahlkonstruktionen erscheinen im grünlichweißen Licht der Industriefl uter besonders bizarr, und das hell erleuchtete Hüttenwerk spiegelt sich im Wasser des Rheins. Genau wie Motten, die sich im Schein der Straßenlaternen in strahlende Glühwürmchen verwandeln, so schminken dann Hunderte Lichter den Industrie-Koloss schön, nicht nur für die Feierlichkeiten zur Kulturhauptstadt und ganz ohne Lichtdesigner und Umnutzungsplaner.
© Kölner Stadtanzeiger 21.04.2010, Nicole Quint
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