Baselitz und Vedova im MKM Küppersmühle

28.09.2016

Georg Baselitz in seinem Atelier am Ammersee, 2015, Foto: Elke Baselitz
Georg Baselitz in seinem Atelier am Ammersee, 2015, Foto: Elke Baselitz

Ab Oktober 2016 treffen mit Georg Baselitz und Emilio Vedova zwei prägende Vertreter der europäischen Kunstgeschichte der Nachkriegszeit im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst aufeinander. Der deutsche Maler und Bildhauer Georg Baselitz (geb. 1938 im sächsischen Deutschbaselitz/bürgerlicher Name Hans-Georg Kern) gehört zu den führenden Persönlichkeiten einer Kunst „made in Germany“, der seit den 1970er-Jahren mit seinen geschundenen Helden und kopfstehenden Motiven weltweit berühmt wurde. Der Venezianer Emilio Vedova (1919-2006) war einer der einflussreichsten Vertreter der abstrakten Nachkriegsmalerei, dessen Werk einem expressiven Kampf mit Farbe und Form, Gestus und Schönheit gleicht.

Eine intensive persönliche Beziehung verband den deutschen Maler und den italienischen Informellen. Sie begann, als Baselitz 1957 Vedovas Gemälde Manifesto Universale erwarb. In der Ausstellung steht es – auf ausdrücklichen Wunsch von Georg Baselitz – seiner Arbeit Win. D. aus dem Jahr 1959 gegenüber, das exemplarisch für seine künstlerischen Anfangsjahre ist. Persönlich lernten sich die Künstler im Berlin der frühen 1960er-Jahre kennen – eine Zeit, die beider Werk entscheidend geprägt hat. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft, die bis zum Tode Vedovas im Jahr 2006 hielt. Gemeinsam ausgestellt wurden die Werke der Künstler erstmals 2007, auf der Biennale von Venedig: Baselitz präsentierte eine malerische Hommage an seinen Künstlerfreund, kombiniert mit installativen Arbeiten Vedovas. Doppelausstellungen in Berlin (2008) und Salzburg (2015) folgten.

„Das Besondere an der Ausstellung ist aber nicht nur die Gegenüberstellung ausgewählter Werke zweier befreundeter Künstler, von denen der eine seine Ideen in abstrakter Weise und der andere in erzählerischer Weise zum Ausdruck bringt, sondern die Choreografie der Hängung. Sie folgt der Idee, dass Georg Baselitz seinen alten Freund Emilio Vedova besucht. Er wandert durch die Ausstellung und schaut sich die Bilder an. Seine tanzenden Füße und schwingenden Beine aus der aktuellen Serie „Ma Grigio“ geben den Takt der Bewegung an.“, erläutert Kurator und MKM-Direktor Walter Smerling.



Emilio Vedova, Scontro di situazioni ’59 II – 1, 1959, 275 x 444 cm, Wasserfarbe und Kohle auf Leinwand - © Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Foto: Jochen Littkemann, Berlin
Emilio Vedova, Scontro di situazioni ’59 II – 1, 1959, 275 x 444 cm, Wasserfarbe und Kohle auf Leinwand - © Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Im Fokus der Ausstellung steht daher die neue Werkreihe Ma grigio von 2015/16, die mehr oder weniger offen auf Vedova, aber auch andere Künstlerkollegen wie z.B. Lucio Fontana anspielt. Gekreuzte Beinpaare in hochhackigen Schuhen rotieren um eine diffuse Mitte und führen einen wilden Tanz auf. Schwarz, Weiß und Grauwerte dominieren die Bilder – eine farbliche Reminiszenz an Vedova, wie auch die mehrheitlich italienischen Titel innerhalb der Serie.

Darüber hinaus knüpft die Ausstellung Bezüge zur Sammlung des Hauses. Mit den Arbeiten von Emilio Vedova kommt der Sammlungs-Schwerpunkt Informel in die Ausstellung, während Georg Baselitz in der Sammlung des MKM mit einem der größten musealen Bestände des Künstlers überhaupt vertreten ist. Zwei seiner selten gezeigten, umfangreichen Serien sind zu sehen: Kleines Straßenbild (1979) und Ciao America (1988) – Arbeiten, für die der Geschichte(n)-Erzähler Baselitz eine in hohem Maße abstrakte Formensprache verwendet, die wiederum eine Parallele zu Vedovas höchst subjektiver, expressiver Malweise darstellt. Der Serie Kleines Straßenbild ist zudem Baselitz‘ markanter Adler (1972) gegenübergestellt, vom Künstler mit den Finger gemalt und lange Jahre im Bundeskanzleramt ausgestellt.

Die Werke von Baselitz stehen im spannungsreichen Dialog mit den gestisch-drängenden Gemälden von Vedova aus den 1980er-Jahren, seiner künstlerischen Spätphase: „Angefangen bei den ersten Bildzyklen aus dem Jahr 1981 stellen die Arbeiten jener Zeit zweifellos einen zentralen Teil von Vedovas Œuvre dar, und sie zeigen den Künstler von einer unerwarteten Seite. Er befreit sich hier mehr und mehr von stark strukturierten, mit historischen Bezügen arbeitenden, konzeptuell bestimmten Kompositionsformen und erobert sich einen neuen malerischen Raum voll weit ausgreifender Perspektiven, beseelt von einem sensibleren und bewussteren Blick auf den Menschen.“, ordnet Fabrizio Gazzari, Kurator und Sammlungsdirektor der Fondazione Vedova, die Bedeutung dieses Jahrzehnts in Vedovas Schaffen ein. 1982 wurde der Italiener mit seiner erneuten Teilnahme an der documenta zu einer prägenden Gestalt für die jüngere Malergeneration. Seine Bilder voll unbändiger Kraft haben bis heute nichts von ihrer Wucht verloren – ein wilder Tanz auch hier. „Das Leben Emilio Vedovas war voller Abenteuer und Probleme, weil es die Unrast seines historischen und europäischen Bewusstseins widerspiegelte. Seine Arbeiten waren bildlicher Ausdruck der von ihm wahrgenommenen und erlebten menschlichen Existenz.“ (Fabrizio Gazzarri).

Eröffnung: 29. September 2016, 19.30 Uhr
Ausstellung bis 29. Januar 2017

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